Obermain-Tagblatt - Die führende Zeitung am Obermain!
Obermain-Tagblatt - Service
Bad-Kurier
••• Anzeigen •••
06.09.2010 | 19:30 Uhr

Als „Baracker“ die Liebe zur Natur entdeckt

„Flüchtlingskind“ Klaus Glätzer erzählt von Entbehrungen und großer Dankbarkeit / Seit 34 Jahren an der Spitze des Gartenbauvereins

HOCHSTADT - Klaus Glätzer aus Hochstadt wurde als Kind mit seiner Familie aus Niederschlesien vertrieben. Die Erlebnisse aus dieser Zeit haben sein Leben entscheidend geprägt. Bei ihm ist zu spüren, dass er seinem Schicksal trotz der Entbehrungen, die er als Kind erlebt hat, heute dankbar ist.

Klaus Glätzer möchte den Menschen und der Umwelt aus seinen Erfahrungen heraus etwas zurückgeben. Dies hat er über drei Jahrzehnte als 1. Vorsitzender des Gartenbauvereines Hochstadt, Wolfsloch und Burgstall in in hervorragender Weise unter Beweis gestellt.

Wie kaum ein anderer, versteht es Klaus Glätzer mit seiner diplomatischen und offenen Art auf die Menschen zuzugehen und sie zu begeistern. Er ist bei den Kindern und den Senioren gleichermaßen beliebt.

Von Kindesbeinen an hat sich Klaus Glätzer mit der Gartenarbeit beschäftigt. Auf seinem Areal von 2800 Qaudratmetern kann er mitten in Hochstadt seinem Hobby mit Leib und Seele nachgehen. Der Garten wurde schon einmal beim „Tag der offenen Gartentür“ als Musterbeispiel vorgestellt. Sein Haus mit der alten denkmalgeschützten Linde bilden ein ausgesprochenes Schmuckstück in Hochstadt.

Was hat sie geprägt, dass sie sich so für die Umwelt und Mitmenschen einsetzen? Die Liebe zum Garten und zur Natur wurde mir in die Wiege gelegt. Schon von Kindesbeinen an hatte ich den Wunsch, mich in der freien Natur aufzuhalten und etwas zu gestalten. Meine Kindheit war alles andere als rosig. Der frühe Tod meines Vaters, der schon 1944 mit 32 Jahren gefallen ist, und die spätere Flucht aus der Heimat Schlesien haben mich geprägt. Um zu überleben, mussten meine Geschwister und ich als Kinder Pilze, Kräuter und Wildobst sammeln. Dadurch lernten wird die Natur erkennen. Auch die Arbeit bei den Bauern und das Mithelfen im Garten regten schon in jungen Jahren die Naturbeobachtungen an. Meine Mutter hat uns ohne Vater durchbringen müssen und damit Großartiges geleistet.

Wie kam es dazu, dass Sie zusammen mit der Familie nach dem Krieg in Hochstadt gelandet sind? Ich bin 1941 in Niederschlesien geboren. Im Herbst 1944 mussten wir aus der Heimat flüchten. Wir standen mit dem Zug vor Dresden, das kurze Zeit später bombardiert wurde. Gott sei Dank kam es nicht zu der Einfahrt in die Stadt, sonst wären meine Familie und ich, vielleicht nicht mehr am Leben. Dann ging es weiter nach Passau. Dort konnten wir bis zum Frühjahr 1945 in Huttum bei Passau ein halbes Jahr auf einem Bauernhof leben. Dann hieß es auf einmal, alle Flüchtlinge müssen wieder zurück nach Schlesien. Unsere vier Züge wurden aber von den Amerikanern gestoppt. Diese ließen es nicht mehr zu, dass wir in den Osten zurückfuhren. Das war unser Glück. Da die Russen schon den Osten Deutschlands besetzt hatten, wären wir sonst in der DDR gelandet. Ich habe noch das Bild vor Augen, als im Hafen von Passau lauter kaputte Schiffe herumlagen. Schließlich kamen unsere vier Züge in Lichtenfels an. Drei Monate wohnten wir dann gegenüber vom Lichtenfelser Bahnhof beim ehemaligen Hemden-Rost. Dann mussten wir nach Hochstadt. Drei Baracken wurden für uns von Kriegsgefangenen geräumt, die hier zum Arbeitsdienst untergebracht waren. Ich kann mich noch genau an das Durcheinander erinnern, das herrschte. Alles wuselte herum, wie in einem Ameisenhaufen. Die Kriegsgefangenen kamen raus aus den Baracken und wir rein. Wir haben aber Glück gehabt, dass wir von der Siemens Decken und Stühle bekamen. Die Firma hat uns geholfen, da sie Leute zum Arbeiten brauchten. Viele Flüchtlinge bekamen gleich einen Arbeitsplatz.

Wie erging es der Familie anfangs in Hochstadt? Anfangs bestanden wir aus fünf Personen - Großmutter, Mutter, Schwester, Bruder und ich. Mein ältester Bruder kam erst später zu uns. Bei der Flucht war er gerade in den Ferien bei Verwandten. Früh wurde uns gesagt, dass wir am Nachmittag in den Zug einsteigen sollen. Somit konnte der Bruder nicht mitfahren. Er wurde aber 1948 bei einer Suchaktion des Roten Kreuzes wiedergefunden und unserer Familie zugeführt. Zu Fuß war mein großer Bruder mit einem Ochsentreck bis zum Spreewald gekommen und dort hängen geblieben.

In jeder der drei Baracken lebten zirka 50 Personen. Unsere sechsköpfige Familie war in einem Raum untergebracht. Anfangs wurden wir in Hochstadt wie Fremdkörper behandelt. Wenn wir Kinder irgendwo auftauchten, hieß es immer, die „Baracker“ kommen.

Wir mussten auf die Felder gehen, um Ähren zu lesen. Im Wald suchten wir Beeren und Pilze sowie Tannenzapfen zum Anschüren. Die Pilze wurden geschnitten, aufgereiht und zum Trocknen an den Fenstern aufgehängt. Somit wurden ganze Säcke voll gemacht. Das war dann unser Essen im Winter. Als eine der Baracken abgerissen wurde, entstand aus der Fläche ein Garten. Wir bekamen ein Areal zugeteilt. Dieser Garten war für uns lebenswichtig. Wir bauten Gemüse und Salate an. Damit wurde bei mir die Liebe zum Garten schon in ganz jungen Jahren geweckt. Die ist bis heute so geblieben ist.

Wir Geschwister sind auch viel zu den Bauern gegangen und haben dort mitgeholfen. Im Herbst waren wir immer vier Wochen lang in den großen Schulferien dort beschäftigt. Ich habe sogar noch das Mähen mit der Sense gelernt. Mit einem Bauern waren wir gut befreundet und gehörten praktisch zu seiner Familie. Da die Landwirtschaft viel arbeitsintensiver war als heute wurde unsere Hilfe gut gebraucht. Wir haben deshalb immer etwas aus der Landwirtschaft bekommen, wie zum Beispiel Eier, Fleisch und Kartoffeln. Damit konnten wir uns in einer sehr harten Zeit durchschlagen.

Meine älteren Brüder gingen sogar zum Betteln. Bis Isling waren sie oft mit dem Rucksack unterwegs und ergatterten dabei vielleicht ein Stück Brot.

In die Mühle vom späteren Bürgermeister durften die Flüchtlingskinder jeden Mittwoch kommen, um ein Stück Brot abzuholen. Das sind Erlebnisse, die sich bei mir tief eingeprägt haben und mich heute mit Dankbarkeit erfüllen. Man hat noch schätzen gelernt, was es heißt, genügend zu essen zu bekommen, um satt zu werden.

Was hat besonders dazu beigetragen, dass Hochstadt für Sie zur Heimat wurde? Ein sehr wichtiger Faktor war, dass alle drei Brüder in der Fußballmannschaft von Hochstadt spielten. Damit wurden wir praktisch total in die Dorfgemeinschaft aufgenommen. Fast die ganze Mannschaft des FC Hochstadt bestand in den 1950er-Jahren aus Flüchtlingskindern. Wir waren, im Gegensatz zu heute, weit vorn in der Tabelle. Ich fühle mich total als Hochstadter. Ich war als jüngstes Kind von vier Geschwistern ja erst drei Jahre alt, als ich hierher kam und habe deshalb keine Erinnerung an die frühere Heimat.

Sie sind seit der Gründung des Gartenbauvereines im Jahre 1976 Vorsitzender. Was hat Sie dazu bewogen dieses Amt anzunehmen? Ich habe eine starke Liebe zur Natur und zum Garten. In meiner Jugend habe ich erlebt, wie wertvoll die Gartenarbeit ist. Jede freie Minute verbringe ich in meinem Garten. Es wird dort auch immer wieder etwas Neues ausprobiert. Als Rentner habe ich somit noch keine Stunde Langeweile gehabt.

Der Gartenbauverein für die drei Dörfer Hochstadt, Burgstall und Wolfsloch hat mir immer viel Freude gemacht. Wir arbeiten im Vorstand sehr gut zusammen. Im Verein haben sich richtige Freundschaften entwickelt.

Leider weiß die Jugend kaum mehr etwas von der Vergangenheit. Die Eltern von damals, die viel zu erzählen hatten, leben schon alle nicht mehr. Jetzt sind wir plötzlich schon die Älteren. Ich halte es für wichtig, dass die Geschichten weitergegeben werden, damit nicht vergessen wird, welch unsägliches Leid der Krieg verursacht hat.

Haben Sie noch einen Bezug zur alten Heimat? Meine Schwester und meine Brüder waren schon ein paar mal dort. Wir hatten ein kleines Häuschen, das von Russen umgebaut wurde. Ich habe keine sehr große Lust, es anzuschauen. Ich bin in Hochstadt aufgewachsen und könnte mir nicht mehr vorstellen, woanders zu wohnen als mit meiner Familie in unserem wunderschönen Haus.

Dieses birgt sogar eine Geschichte. Da das Haus im Krieg beschlagnahmt wurde, lebten in ihm viele Offiziere. Sogar Graf von Stauffenberg ist in meinem jetzigen Haus eingekehrt. Er kam auf Einladung von Karl Freiherr von Kress von Kressenstein, der in diesem Haus wohnte. Meine Familie und ich, haben noch wertvolle Bücher und alte Schriften auf dem Dachboden entdeckt, die aus der damaligen Zeit stammen.

Das Interview führte Jupp Schröder.

-chs-




nach oben

Design by TMT © Obermain Tagblatt 2008 - Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Die Nachrichten sind nur für die persönliche Information bestimmt. Jede weitergehende Verwendung, insbesondere die Speicherung in Datenbanken, Veröffentlichung, Vervielfältigung und jede Form von gewerblicher Nutzung sowie die Weitergabe an Dritte - auch in Teilen oder in überarbeiteter Form - ohne Zustimmung des Obermain Tagblatts sind untersagt.